Das Mädchen mit den sanften Augen

Ich war immer sein Mädchen mit den sanften Augen.

So nannte er mich, von Kindheit an. Von Kindheit an war uns klar, dass wir zusammengehörten. Er stieß sich nicht daran, dass meine Familie so seltsam war, dass meine Eltern unter ungeklärten Umständen verschwanden, als ich kaum sechzehn war, und dass es von meiner Großmutter hieß, sie habe sich und ihren Ehemann mit einem Zauberspruch in die Luft gejagt. Noah war es egal, und wenn ihn jemand darauf ansprach, sagte er immer: „Nicht Mina. Nicht mein Mädchen mit diesen sanften Augen.“

Auch die anderen akzeptierten das. Wenn wir geärgert und geneckt wurden, fand sich immer einer unter den Jungen – meistens einer von Noahs zahllosen Brüdern – der dazwischen ging und sagte: „Nein, lass sie. Das ist Noahs Mädchen.“ Und dann trat ich voller Stolz an ihnen vorbei, und an meiner Schwester Anaîs, die ein Jahr älter war als ich und niemanden hatte, der ihr sagte, sie habe so sanfte Augen.

Mein Leben lag klar ausgebreitet vor mir. Noah würde mich heiraten, sobald er alt genug war, und ich würde seine Frau sein, sein Mädchen mit den sanften Augen. Es gab überhaupt keinen Zweifel daran, bei niemanden, nicht einmal, als er das erste Mal mit seinen Brüdern sein Zuhause verließ, um in der Ferne neue Erfahrungen zu sammeln. Und jedes Mal, wenn er nach Hause kam, fand ich mich bestätigt. Ich war und blieb sein Mädchen mit den sanften Augen.

Dann kam der Krieg.

Krieg verändert die Menschen. Er rührt an den Urängsten, er lässt uns unsere aufgesetzte Zivilisation vergessen und wieder mit Klauen und Zähnen um unser Überleben kämpfen. Ich sah es kommen, sah es um mich herum, und sah, wie Anaîs, die niemals sanft gewesen war, ihre Krallen ausfuhr.

Ich bekam Angst.

Noah und seine Brüder kehrten heim, um uns zu schützen. Als die Schlacht verloren ging und wir flüchten mussten, nahmen sie uns mit. Ich rannte an seiner Hand um mein Überleben und war trotzdem froh, denn ich war noch immer sein Mädchen mit den sanften Augen.

Dies blieb ich. Ich kämpfte nicht. Weder Noah noch seine Brüder er­war­teten es von mir – nur Anaîs, die tat es. Sie kämpfte, sie hasste, und mit der­selben Intensität hasste sie wohl ebenso mich, ihre sanfte kleine Schwester, die immer vorgezogen worden war.

„Sei kein Schaf, Mina!“, schrie sie mich an, wenn ich wieder einmal in Deckung ging, „du kannst es doch! Du kannst es!“

Aber ich wollte es nicht können. Ich wollte mich mit den Kräften nicht ausein­an­dersetzen, die in mir schlummerten, die durch meine ganze Familie liefen, und die Anaîs jetzt, endlich, so ungerührt einsetzte. Ich sah, wie Noahs Brüder Ehrfurcht vor ihr hatten. Ich sah ihre Angst vor Anaîs‘ Fähigkeiten.

Ich wollte so nicht enden.

Und Noah beschützte mich. Er verteidigte mich, und weil er es tat, taten seine Brüder es ebenfalls. Vielleicht wäre ich so durch den ganzen Krieg gekommen, mit ihm, hätte Anaîs mich nicht eines Tages angegriffen.

Jahre alter Hass türmte sich zu einem riesigen Berg auf, Hass gegen die schönere Schwester, die jüngere, die liebenswertere. Hätte vielleicht nur einmal einer zu ihr gesagt, sie sei liebenswert – im wahrsten Sinne des Wortes – vielleicht hätte sie mich nicht so gehasst. Aber dann – vielleicht hasste sie mich gar nicht, sondern liebte mich auf ihre eigene Art, und ertrug es nicht länger, wie ich mich verhielt.

Sie griff mich an, als ich mit Noah allein war, und das war schlau. Auch wenn ich mich mit den Kräften nicht auseinandersetzen wollte, ich ertrug es nicht, dass Noah dazwischen ging, um mich zu schützen. Er war Anaîs nicht gewachsen, nicht ohne seine Brüder, und das wusste ich. Wäre ich allein gewesen, ich hätte mich nicht gewehrt. Wären seine Brüder da gewesen, ich hätte mich hinter ihnen versteckt. Aber Noah allein konnte gegen Anaîs nicht bestehen, und deshalb, aus der Verzweiflung heraus, verteidigte ich mich, auf unsere Art, von der Noah nicht wusste, dass ich sie beherrschte. Ich kämpfte nur mit halber Kraft gegen sie, weil mein anderes Auge immer ihm folgte, der ungläubig zusehen musste, was sein Mädchen mit den sanften Augen tat. Als er sich schließlich abwandte, fort ging, fort von unserer Auseinandersetzung, wollte ich schier verzweifeln.

„Er ist es doch, der die Welt für dich ist, nicht wahr?“, kreischte Anaîs empört, „er ist dein Gott! Noah der Held – du ordnest dich ihm völlig unter, sein Wort ist für dich Gesetz – und dass du, Mina, dass ausgerechnet du! Du spielst das Mäuschen, für ihn, nur für ihn, als ob du nicht anders könntest! Und du könntest anders! Ich beweise es dir – wenn er nicht mehr ist!“

Und sie sprang hinunter, in den unteren Stock, wo er war, und während ich entsetzt hinterhereilte, packte sie ihn. Nie, nie in meinem Leben würde ich den Anblick vergessen, wie sie ihn umschlungen hielt, meinen ahnungslosen Noah, wie das Messer in ihrer Hand erschien, und sie es durch seinen Rücken jagte.

Aber am meisten erschreckte mich, dass Noah sich überhaupt nicht wehrte.

Ich weiß nicht genau, was dann geschah. Ich bin sicher, ich habe geschrien. Ich bin ebenso sicher, ich habe meine mörderische Schwester bis ans Ende der Welt geschleudert. Was sonst noch geschah – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass am Ende sämtliches Glas im Haus zerschmettert war, dass die Decke durchhing und kein Möbelstück mehr aufrecht stand. Und mitten drin, in all dem Chaos, hockte ich und hielt meinen Liebsten.

Er lebte noch. Das war eine Überraschung. In dem Moment, in dem ich das Messer so widerstandlos in seinen Körper hatte fahren sehen, war ich mir sicher gewesen, Herz und Lunge seien zerfetzt, so wie mein Leben. Aber sie war anscheinend am Schulterblatt abgeglitten, hatte Muskeln und Nerven verletzt, bevor sie die Lunge erreichte. Er war bleich, er blutete. Er war bewusstlos.

Seine Brüder waren fort. Jetzt war ich diejenige, die um sein Leben kämpfen würde.

Ich nahm ihn, nutzte meine Kraft, fand ein Haus, wo wir unterkommen konnten – eine bessere Scheune mit festen Wänden und einem Dach, das nicht leckte, so wie einen Zwischenboden, auf dem Decken und Bündel lagen. Ich machte es zu unserem Heim, legte Noah nieder und versorgte seine Wunde, so gut ich konnte. Ich weinte die ganze Zeit – nicht nur aus Angst um ihn, sondern auch um mich. Er musste gesehen haben, was ich tat. Wie würde er mich jetzt noch sein Mädchen mit den sanften Augen nennen können? Wie sein Mädchen überhaupt?

Und dann konnte ich nicht vergessen, dass er sich nicht gewehrt hatte, als ob er hatte sterben wollen, als ob er keinen Sinn mehr darin sah, in diesem Leben, in dem es mich nicht mehr gab, nicht, wie er mich kannte.

Er wehrte sich auch jetzt nicht – weder gegen meine Versorgung noch gegen die Bewusstlosigkeit, oder gar gegen das Fieber, das in den folgenden Tagen und Wochen unvermeidlich kam. Er magerte ab, obwohl ich alles daransetzte, Essen aufzutreiben und ihm einzuflößen. Wir waren allein in dieser Scheune. Es konnte den anderen nicht entgehen, dass dort ganz allein ein Mädchen und ein schwerverletzter junger Mann hausten. Ich war gezwungen, mich zu verteidigen, wollte ich Noahs Leben retten. Und ich verteidigte mich. Wer in die untere Etage der Scheune kam, bereute es. Schliefen wir oben, ließ ich die Treppe zum Zwischenboden verschwinden, so dass er unerreichbar wurde. Verließ ich das Haus, ließ ich alle Türen und Fenster verschwinden. Ich tat dies, wie ich zu meiner Schande sehr wohl wusste, nicht nur, damit niemand zu dem wehrlosen Noah gelangen konnte, sondern auch, damit er nicht hinauskam. Ich redete mir zwar ein, dass er im Fieberwahn fort taumeln könnte und dann sterben müsste – aber ich fürchtete genauso, dass er mich einfach verlassen würde, weil er meinen Anblick nicht mehr ertrug.

Und dann, eines Tages, kam der Hauptmann.

Ich habe keinen besseren Namen für ihn. Er war das, was in diesen gesetzlosen Zeiten das Gesetz repräsentierte. Natürlich war es eher sein Gesetz als das des Gemeinwohls. Aber nachdem Noahs Brüder fort und auch nicht wiedergekom­men waren, hatte er die letzten Männer im Dorf um sich gesammelt und besaß damit alle Macht. Ich hatte schon öfter Gesindel in meiner Burg zu Besuch gehabt, doch noch nie jemanden wie ihn.

Er kündigte sich an, stellte sich breitbeinig unten hin und hielt sich gar nicht damit auf, wie andere die verschwundene Treppe zu suchen. Noah schlief, erschöpft und grau vom Fieber. Noch immer nicht hatte ich über das mit ihm sprechen können, was Anaîs ihm angetan hatte, und was ich. Aber jetzt gab es drängendere Probleme, war seine Sicherheit akuter als jemals zuvor in Gefahr. Der Hauptmann war unten und wartete auf uns, würde nicht einfach wieder fortgehen. Ich konnte mich nicht verstecken. Ich wickelte mich in mein großes Tuch und tauchte vor ihm auf.

Sogar der Hauptmann erschrak, was natürlich war. Kräfte wie die in meiner Familie sind selten, und in gottlosen Zeiten vermutlich akzeptierter als sonst, ehrfurchtsgebietender, weil man weniger Verteidigung besitzt. Ich wartete, bis sein Entsetzen sich gelegt hatte, auf das, was er zu sagen hatte.

„Himmel“, meinte er nach einem Moment, „du bist ja noch ein halbes Kind. Nach den Berichten zu urteilen, habe ich zumindest eine ausgewachsene Hexe erwartet.“

Ich wusste inzwischen, dass ich das war, dass meine Kräfte die von Anaîs bei weitem überstiegen – vielleicht noch ein Grund für ihren Hass – und so sagte ich nichts dazu. Ich blieb abwartend stehen, auf der Hut, auf meine Deckung bedacht.

Er sah sich um.

„Ein Schweinestall ist das“, urteilte er, „ich weiß, du lebst mit deinem Schatz hier, und ich weiß ebenfalls, dass er ein Schwächling ist, der dich nicht schützen kann und vermutlich nicht einmal schützen will. Nein – ich weiß schon. Du kannst dich selbst verteidigen. Ich bin nicht hier, um dich anzugreifen; ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen. Eine Frau mit deinen Fähigkeiten kann ganz Großes erreichen – vorausgesetzt, sie hat die richtige Anleitung. Du bist hübsch, unter all dem Dreck. Ich biete dir an, mit mir zu kommen. Wenn du dich beweist, werde ich dich mit Reichtümern überschütten.“

Ich blinzelte einmal. Welche Bedeutung hatten Reichtümer für mich, solange sie mir nicht Noahs Gesundheit und Liebe zurückkaufen konnten?

„Ich habe keine Zeit für dich“, sagte ich kurz angebunden.

Er lachte anerkennend auf.

„Du hast Krallen, das habe ich gehört“, sagte er, „dennoch bist du allein hier.“

„Ich bin nicht allein“, unterbrach ich ihn.

Er seufzte bedauernd.

„Du meinst den Krüppel da oben, der kaum atmen kann, und dessen Schulter vermutlich steif bleiben wird – wenn er sich denn entschließt, leben zu wollen?“, fragte er, „du wunderst dich, woher ich all das weiß? Ich habe meine Quellen, Kleine, ich weiß alles. Und ich weiß, ich könnte dich ganz groß machen. Du hast meine besten Männer verjagt, dazu gehört schon was. Also – verlass ihn und komm mit mir.“

Ich schnappte empört nach Luft. Er grinste.

„Meinetwegen kannst du ihn auch mitbringen“, sagte er, als habe er das erwartet, „wir würden ihn gesundpflegen, vorausgesetzt, das geht. Ich persönlich glaube, er stirbt so oder so. Aber wenn du ihn hier nicht verrecken lassen willst, nimm ihn halt mit.“

„Und wenn ich hier nicht fortgehe?“, fragte ich.

„Das wäre keine weise Entscheidung, Kleines“, erwiderte er böse, „ich will Ordnung in meinem Dorf.“

„Und ich“, sagte ich genauso böse, „will meine Ruhe. Was wirfst du mir vor? Dass ich uns schütze? Es ist ja keiner sonst da, der uns schützen würde. Dass wir hier leben? Ist es das? Aber dies ist nur eine alte Scheune, auf die niemand mehr Anspruch erheben kann. Lass uns in Ruhe. Lass deine Männer nicht mehr herkommen, weil sie glauben, hier gäbe es leichte Beute, und du wirst keinen Ärger mit uns haben.“

„Rede nicht immer von ‚uns‘“, sagte er, „der Junge da oben interessiert mich nicht. Ich will dich. Du bist hübsch, du hast Mut, und du hast Fähigkeiten, von denen ich glaube, dass sie mir noch gut nützen könnten. Schließ dich uns an. Sonst wirst du es bereuen.“

Ich trat einen Schritt zurück. Die Wut brodelt in mir auf wie ein kochender Kessel.

„Lass mich in Ruhe“, sagte ich scharf, „sonst wirst du es bereuen!“

„Sei nicht albern“, entgegnete er, „ich kenne solche wie dich ...“

„Und bilde dir nicht ein, du würdest mich kennen“, unterbrach ich ihn schneidend, „meine eigene Schwester glaubte, sie würde mich durchschauen wie Glas, und sie hat sich bitter geirrt. Such sie am Ende der Welt und frage sie – falls sie noch sprechen kann!“

Bei den letzten Worten hatte ich mich drohend aufgebaut, und das wirkte, denn wenn eine Hexe das tut, wächst sie tatsächlich, und davor bekam sogar ein abgebrühter Rohling wie der Hauptmann Angst.

„Geh, und lass uns in Ruhe“, sagte ich laut. Und als er sich nicht regte, setzte ich zischend hinzu: „Geh!“, und sandte einen ganzen Hagel stummer Flüche auf ihn.

Ich glaube, er hatte Angst, als er die Scheune verließ. Vermutlich war er zudem sehr zornig. Aber ich war vor allem traurig, sobald er fort war, traurig, weil ich zu diesem hier gezwungen war – und zutiefst erschrocken, als ich hochsah, und an der Kante des Zwischenbodens meinen Noah erblickte.

Er war wach. Er war zum ersten Mal seit Wochen wach – erschreckend schwach natürlich, aber stark genug, um die paar Meter von seinem Lager bis zum Rand des Bodens zurück zu legen, von wo aus er den Kampf zwischen dem Hauptmann und mir verfolgt hatte, bis zu meinem triumphalen Ende. Ich hatte kein Risiko eingehen wollen. Ich hatte dem Hauptmann eine gute Show geboten, so dass er es sich zweimal überlegen würde, ob er zurückkommen würde.

Und Noah hatte es gesehen.

Aber vor allen Dingen war er wach. Ich eilte die Treppe hinauf, die unter meinen Füßen erschien und wieder verschwand, ohne darauf zu achten. Seine Augen weiteten sich, aber selbst das war mir in diesem Moment egal. Das Glück überrollte mich in einer großen Welle.

„Du bist wach!“, stammelte ich, „du bist wach! Aber du darfst nicht einfach so aufstehen. Noah, Liebster, ich bitte dich. Setz dich, ich hole dir etwas Suppe. Du bist so dünn geworden ... Tut dein Arm weh? Hast du Schwierigkeiten beim Atmen?“

Natürlich hatte er Schmerzen, und natürlich fiel ihm das Atmen schwer. Aber mehr noch als all das musste sein Weltbild erschüttert worden sein. Er war immer Noah mit den vielen Brüdern gewesen, der starke Arm und Schutz aller derer, die er liebte, mich eingeschlossen. Jetzt hatte Anaîs ihn überwältigt und ich verteidigte ihn – besser, als er es vermutlich selbst gekonnt hätte.

Ich war nicht mehr einfach nur das Mädchen mit den sanften Augen.

Und ich wusste das, während ich sinnlos plapperte, ihn auf das Lager bettete, versorgte und über alles Mögliche sprach, nur nicht über das, was wichtig war. Ich hatte Tränen in den Augen, vor Glück und auch vor Angst.

Mittendrin in meinem Gerede griff er plötzlich mit seiner gesunden Hand meinen Arm und brachte mich zum Verstummen.

„Anaîs hat gesagt, du hast Kräfte“, sagte er, „und ich habe das gesehen.“

Seine Stimme zum ersten Mal nach all den Wochen zu hören, ließ mir die Tränen überlaufen, aber mehr noch als das, seine Worte. Ich wischte über mein Gesicht.

„Sie sagte auch“, fuhr er fort, „du wärst so stark, du könntest die Welt erobern. Und der Kerl da unten hat im Grunde dasselbe gesagt. Stimmt es, Mina? Ist das so?“

War das so? Ich wusste, meine Kräfte waren groß, größer, als Anaîs es sich hatte vorstellen können. Ich wusste ebenfalls, dass ich, wenn ich den richtigen Grund dafür hätte, sie loslassen würde. Reichte das, um die Welt zu erobern?

Wozu?

Schließlich brachte ich schluchzend hervor: „Aber verstehst du nicht, Noah, dass ich dich genau dafür brauche – damit ich eben dies nicht tue?“

Er zog sich zurück, sah mich irritiert an. Vielleicht war er verwundert, dass ich seine Beweggründe verstand – nicht nur die Ehrfurcht vor diesen Kräften war es, die ihn auf Abstand hielt, sondern auch die Tatsache, dass er glaubte, ich bräuchte ihn nicht mehr, wo ich ihn doch immer gebraucht hatte.

Und ich brauchte ihn weiterhin. Er musste dies verstehen. Ich nahm seine Hände.

„Ich weiß nicht, was ich kann“, gestand ich, „ich wusste immer, dass da etwas ist ... aber ich wollte es überhaupt nicht ausprobieren, überhaupt nicht kennen­lernen. Noah, ich wollte immer nur ... ich wollte immer nur dein sein. Aber jetzt habe ich Angst. Ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Ich glaube, wenn ich dich verliere, dann verliere ich meine Kontrolle. Und ich will nicht herausfinden, was dann geschieht. Bitte, bitte, bleib bei mir. Bitte, vergiss, was du gesehen hast. Bald bist du wieder gesund, und dann ist alles wie vorher. Du bist mein Schutz, immer noch. Du wirst schon sehen – alles wird wie früher!“

Und ich plapperte wieder, und ich weinte, schmiegte mich an ihn, und obwohl seine Arme sich irgendwann um mich legten, wusste ich, dass ich ihn nicht überzeugt hatte.


Der Winter ging schließlich vorüber, der Hauptmann und seine Leute belästig­ten uns nicht mehr. Ich sorgte nach wie vor für Noah, ich ließ nach wie vor die Treppe verschwinden, wenn wir schliefen, und die Türen, wenn ich ihn allein lassen musste, um für Essen zu sorgen. Aber ich ließ die Fenster im oberen Stock­werk da, damit er hinaussehen konnte, und um ihm den Fluchtweg zu lassen, sollte er mich wirklich verlassen wollen. Ich tat es schweren Herzens.

Der Krieg war vielleicht zu Ende, doch das Land war verwüstet, und die Zeiten gottlos und ohne Gesetz. Man fürchtete mich in der Gegend. Niemand kam mehr zu mir und sagte, wie hübsch und liebenswert ich wäre, und dass ich so sanfte Augen hatte. Ich wollte niemandem weh tun; ich wehrte mich bloß, wenn ich angegriffen wurde, aber das reichte aus, um mir meinen Ruf zu geben.

Wenn ich in den ruhigen Bachlauf sah, oder den kleinen Waldteich, dann musste ich ihnen voller Verzweiflung Recht geben. Arm und abgerissen, wie ich geworden war, verhüllt unter Schichten von Lumpen, wirkte ich mehr wie eine Hexe als wie eine Liebste. Und Noah, der keinen Spiegel hatte und nicht wusste, wie ähnlich er mir sah, würde das ebenfalls bemerken. Alles war grau an ihm und mir geworden, sogar unsere Haare, vor Schmutz und Mangel an warmem Wasser.

Ich bemühte mich nach Kräften, um unser Domizil und unser Leben besser zu gestalten, aber weil ich mir verbat, meine Kräfte zu anderen Zwecken als der Verteidigung einzusetzen, und weil Noah noch immer schwach war, kam ich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Im Frühling, so sagte ich mir immer wieder, würde es besser werden. Im Frühling würden er und ich hinaus gehen, aus dieser grauen Welt zurück in die unsere, voller Farben.

Aber im Frühling verließ er mich.

Noah ging nicht heimlich, still und leise. Er schlich sich nicht aus dem Fenster, während ich schlief oder auf Beutezug war. Nein, er wählte einen anderen Weg, und dieser zerbrach mich.

Er fing einen Streit an, einen hässlichen, furchtbaren Streit, der mich genau zu einem Zeitpunkt überrollte, als ich keine Reserven mehr für Vernunft und Flehen hatte. Ich war so müde, ich fror, ich hatte Hunger, und er hatte kein Verständ­nis mehr für mich. Alles Verständnis aus seinen Augen war fort, alle Liebe, wenn er mich ansah, und ich spürte, spürte im Innersten, dass ich für ihn tatsächlich die Hexe geworden war, die ich nie hatte sein wollen.

Er warf mir vor, vor ihm verborgen zu haben, wer ich sei, dass ich ihn belogen und betrogen hätte.

Ich gab zurück, ich habe sein Leben gerettet, und nur meine Kräfte hätten uns über den Winter gebracht.

Er antwortete, wenn meine wahnsinnige Schwester nicht gewesen wäre, wäre er nicht zum Krüppel geworden – die Schulter war tatsächlich steif – und dieser Streit sei meine Schuld gewesen.

Ich schrie vor Zorn und Empörung, dass ich den Streit nicht gewollt hätte, und dass ich doch nicht für Anaîs verantwortlich sei.

Er sagte, mit harten Augen, wir wären vom selben Blut, und wer gäbe ihm die Sicherheit, dass ich nicht auch eines Tages ein Messer in seinen Rücken rammen würde.

Das war zu viel. Etwas in mir zerbrach, zerbrach so heftig und schmerzhaft, dass ich ihn hinauswarf. Ich warf ihn vor die Tür, seine Sachen dazu, und schrie schluchzend, dass er der Undank in Person sei, und nicht wiederzukommen brauche.

Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber ich, in meinem Schmerz und meiner Verzweiflung, ließ mit einem Donnerschlag alle Türen verschwin­den – und fiel in mich zusammen.

Fort, er war fort. Noah war fort. Ich war nicht mehr das Mädchen mit den sanften Augen, ich war nicht mehr sein Mädchen, ich war überhaupt niemandes Mädchen mehr. Jetzt würde er seine Brüder suchen und ihnen sagen, dass die sanfte Mina genauso eine Furie wie die verrückte Anaîs sei, eine Hexe, die ihn den Winter über gefangen halten hatte. Und ich war allein. Ich hatte ihn davongejagt. Seine Worte brannten wie Säure in mir, und schlimmer noch als das der Ausdruck in seinen Augen.

Ich hatte Recht gehabt, ich hatte so Recht gehabt, vor ihm verbergen zu wollen, was ich vermochte. Es war Anaîs‘ Schuld, alles war ihre Schuld, in ihrem Hass und ihrer Eifersucht hatte sie meine Welt zu Scherben geschlagen, und mich gleich mit.

Ich muss Tage in dem verschlossenen Gebäude gelegen haben. Vielleicht wären sie zu mir gekommen, die Schakale, die Aasgeier, wenn ich die Tore nicht geschlossen­ hätte. Aber der Einzige, der hineingekonnt hätte, der Einzige, der eine Chance gehabt hätte, der kam nicht. Hätte Noah nur gewollt, hätte er sich nur ein einziges Mal auf die Suche nach einer Tür gemacht, er hätte sie gefunden.

So jedoch blieb die Tür zu mir und meinem Herzen zu, und ich war sicher, ganz sicher, sie nie wieder öffnen zu wollen.

Ich war kein Mädchen mit sanften Augen mehr.

Jetzt war ich die Hexe.


Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich aufstand, mich erhob. Ich war anders geworden; niemand würde es von nun an wagen, von meinen Augen als sanft zu sprechen. Ich sammelte ein, was ich noch brauche konnte, dann verließ ich die Scheune, um sie hinter mir wie ein Kartenhaus zusammen brechen zu lassen. Ich sah mich nicht einmal um, als sie einstürzte. Die sanfte Mina war tot, und nichts sollte mehr an sie und ihren Noah erinnern.

Ich bezog ein neues Domizil, nahebei. Sicher, ich hätte die Gegend verlassen und mir woanders ein neues Dasein aufbauen können, ein unbelastetes, aber jetzt wollte ich den Kampf. Jetzt wollte ich Streit und Zorn, damit wenigstens dies mir das Gefühl gab, noch am Leben zu sein.

Das Haus, was ich fand, war herrschaftlich und bewohnt. Einen Teil der Leute warf ich hinaus, die anderen, die ich noch brauchen konnte, verpflichtete ich zur Treue. Ich versprach ihnen, für sie zu sorgen und dass es ihnen besser als jemals zuvor gehen würde, wenn sie mir gehorchten. Und dann begann ich, mir ein Reich zu schaffen, ein Gegenpol zum Dasein des Hauptmanns.

Manche Leute kamen freiwillig zu mir, weil sie den Schikanen des Hauptmanns nicht mehr ausgeliefert sein wollten, weil sie sich betrogen und ausgenutzt fühlten – und dieses mochte durchaus der Wahrheit entsprechen, denn Macht korrumpiert, und der Hauptmann hatte in mir zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges einen ernstzunehmenden Gegner. Manche kamen, weil sie morbide von mir fasziniert waren, von meiner Kraft und meinen Fähigkeiten. Ich nahm alle auf, gab ihnen Arbeit, und weil die Arbeit im Haus bald erschöpft war, schuf ich neue Arbeitsplätze, auf den Feldern, in den Ställen, in der Brennerei und dem Wirtshaus. Ich nahm sie auf ohne Wärme oder Freude, sondern hart und entschlossen, zu meinen Bedingungen. Ich vertraute niemandem, und niemand vertraute mir. Bald hatte ich genügend Leute, dass ich meiner Kräfte kaum noch bedurfte, um uns zu ernähren. Gelegentlich vertrieb ich die Unwetter, sorgte für Regen oder Sonne, oder für einen reißenden Sturzbach, der die Pläne meines Gegners empfindlich störte.

Anfangs hatte er gelacht, dann war er gegen mich vorgegangen. Es hatte mehrere unerfreuliche Szenen zwischen den Hauptmann und mir gegeben, bis so etwas wie eine bösartige Toleranz eingetreten war. Bei einem Projekt hatten wir sogar zusammengearbeitet. Es war meine Idee gewesen; ich brauchte den Zugang zu den Salzminen, und so war ich zu ihm gekommen, allein. Vielleicht hatte ihn das beleidigt, oder auf dumme Ideen gebracht. Er versuchte, mich zu demütigen, sagte, er würde mich nur nackt empfangen. Leicht hätte ich das als Ausrede nutzen könne, um einen Krieg vom Zaun zu brechen, aber ich kehrte den Spieß um, indem ich mich auszog, durch all seine Leute ging, die unfähig waren, mich zu berühren, zu ihm, mich verhielt, als sei ich voll bekleidet und er zu unwichtig, dass mich dieses Detail vor seinen Augen kümmerte, und meine Verhand­lungen knallhart durchzog. Mein Zauber hielt ihn auf Abstand, und als ich ging, triumphierte ich, während er und seine Männer wütend und frustriert waren. Jetzt hassten sie mich nur, sie begehrten mich zudem, und sie wussten, ich war uner­reichbar für sie.

Ich war unerreichbar für alle. In manchen Nächten, wenn ich einsam zu werden drohte, holte ich mir einen jungen Mann aus dem Dorf, der mir die düstersten Gedanken vertrieb. Ich glaube nicht, dass dies auch nur einem von ihnen wirklich gefiel. Gewiss, ich war attraktiv, vielleicht sogar schön zu nennen. Gewiss, ich war mächtig. Aber selbst, wenn einer von ihnen mich wirklich gewollt hätte, ließ ich das nicht zu. Ich nahm ihnen ihren freien Willen, sobald sie durch meine Tür traten, und ließ sie das tun, was ich wollte. Am Morgen schickte ich sie fort. Manche hatten Tränen in den Augen, und manche rannten, sobald sie ihren Willen zurückhatten.

Ich weinte nie. Ich konnte nicht riskieren, was einer von ihnen mit mir tat, wenn ich nicht auf meinen Rücken aufpasste. Und dabei war ich mir nie sicher, ob ich ein Messer fürchtete, oder Zärtlichkeit. Ich missbrauchte sie nie körper­lich. Aber ein seelischer Missbrauch ist um nichts besser, und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wüsste nicht, was ich tat.

So war ich gehasst und gefürchtet in meinem Reich, hatte den Hauptmann als Feind, den ich mir wohl erhielt, denn ich brauchte einen Gegner. Manchmal fragte ich mich, was passieren würde, sobald ich anfing, mich zu langweilen. Würde ich wirklich versuchen, die Welt zu erobern?

Würde ich?

Noch wagte ich es nicht. Irgendwo in der Welt da draußen befanden sich Noah und Anaîs, und ich wollte keinem von beiden begegnen.

Dann wurde die Entscheidung mir abgenommen.


Ich weiß nicht, warum der Hauptmann seine Strategie änderte, warum er plötz­lich auf meine Vernichtung und nicht mehr auf meine Unterwerfung setzte. Viel­leicht fürchtete er, dass ich ihn eines Tages aus Langeweile zerschmet­tern würde. Vielleicht aber war er sich dieser Gefahr einfach nicht bewusst und sein Hass auf mich zu solchen Dimensionen gewachsen, dass es keine Alter­na­tiven mehr gab. Zumindest tat er es, und er tat es geschickt.

Ich weiß nicht mehr, wann ich merkte, dass er seinen totalitären Regierungsstil geändert hatte, dass er sich vom Tyrannen zum Beschützer der Menschen wan­del­te. Ich weiß nicht mehr, wann ich merkte, dass er begann, meine Leute zu unterwandern und gegen mich aufzubringen. Vermutlich war es mir egal. Ich wusste, ich könnte auch gegen sie alle bestehen, und am Ende würden nur Rauch und Asche übrigbleiben. Ich wartete nahezu auf diesen Tag.

Ich hatte begonnen, mich zu langweilen. Und am Ende dieses Kampfes würden ihre und meine Vernichtung stehen.

Mein Haus stand auf einem Hügel, mein altes, wieder hergerichtetes Herren­haus. Es übersah die Stallungen, die Felder, die Brennerei, meine neue Salz­mine. Es übersah die Straße, und an dem Tag, an dem ich merkte, ich war allein in diesem riesigen Haus, wusste ich, die Entscheidung war nahe.

Sie würden kommen. Sie würden versuchen, mich zu verbrennen. Vielleicht hatten sie sogar das ein oder andere in petto, was mir wirklich gefährlich werden konnte. Ich hatte keine Angst, ich war eher neugierig.

Ich war im Inneren zu tot, um mich zu fürchten.

Es war Abend, als sie kamen. Eine lange Fackelschlange zog sich den Weg zum Hügel empor. Sie rannten nicht, sie hatten Zeit. Sie wussten, ich war allein. Sie wuss­ten, ich würde nicht fortlaufen – und falls doch, hätte es bestimmt den einen oder anderen gegeben, der erleichtert gewesen wäre. Sie hatten bestimmt Angst, aber sie waren entschlossen, darauf vorbereitet, gegen eine entfesselte Hexe zu kämpfen, sie entweder zu besiegen, oder zu sterben, oder beides.

Ganz sicher hatten sie nicht damit gerechnet, dass plötzlich, auf halbem Wege, eine Reiterei sie aufhalten würde, unter ihnen eine andere Hexe, und ein ganzer Haufen kämpfender Männer, die sie zurücktrieben, den Hügel hinunter, noch bevor sie richtig in Stellung gehen konnten.

Ich hatte auch nicht damit gerechnet. Ich stand sprachlos auf meinem obersten Balkon und sah im Mond- und Fackellicht den Kampf, der für mich ausge­foch­ten wurde – ein wilder Kampf, der Opfer forderte. Der Hauptmann fiel zu Boden, niedergeschlagen vom Anführer der Fremden, und ich verspürte bei­nahe so etwas wie Bedauern.

Da ging ich hinein. Dies war nicht mein Kampf. Wer auch immer siegte, sie würden kommen, um mich zu sehen.


Ich weiß nicht, ob ich, ganz tief, in meinem Innersten, damit gerechnet hatte, dass Noah zurückgekehrt war. Ich weiß auch nicht, ob ich in der Hexe Anaîs erkannt hatte, oder zumindest damit rechnete. Ich glaube es, ehrlich gesagt, nicht. Ich war so voll und ganz auf meine Auseinandersetzung mit dem Hauptmann konzentriert gewesen, dass ich alle vergangenen Feinde und Freunde verdrängt hatte.

Zumindest verlor ich voll und ganz meine Fassung, als Noah durch die Tür in mein Turmzimmer trat.

Er hatte sich wieder verändert. Von dem mageren, grauen Kriegsüberlebenden war er zurückgekehrt zu Kraft und Farbe. Seine Schulter war nicht mehr voll­kommen unbeweglich, wenn auch steifer als normal. Er hatte neue Narben, und die alten, die ich kannte. Sein Haar war kürzer.

Wie seltsam, dass man all diese Oberflächlichkeiten in Blitzesschnelle erfassen kann, nur um zu vermeiden, den Ausdruck in den Augen zu sehen.

Ich trat zurück, an mein Fenster. Der Mond fiel über mich hinweg, und die Kerzen flackerten. Ich war unfähig, etwas zu sagen.

Aber ich war fähig, seine Perspektive zu sehen. Eine ärmliche, abgerissene Gestalt in grauen Lumpen war ich gewesen, bei unserer letzten Begegnung, fettige Haare und Schmutz auf den Wangen. Jetzt trug ich ein hoch ge­knöpftes Kleid, meine dunklen Locken zu einem kalten Knoten gebunden, und das schwarze Tuch um meine Schultern nahm mir auch den Rest Farbe. Ich war bleich wie der Mond. Seitdem ich ins Herrenhaus gezogen war, hatte ich keine andere Farbe mehr angerührt als schwarz.

Ob er das erwartet hatte – eine schwarze Hexe, schön und mächtig?

Angriff. Ich musste angreifen. Niemand durfte mich verletzen.

„Was willst du hier?“, fragte ich hart, „was sollte das? Ich brauche keinen Schutz. Ich brauche euch nicht mehr!“

Er trat einen Schritt näher. Ich wollte nicht in seine Augen sehen, doch zwang mich dazu. Der Ausdruck war sanft. Ich erschrak furchtbar und hatte alle Mühe, es nicht zu zeigen.

„Ich glaube, du lügst“, sagte er nur.

Was für ein Narr. Ich war nicht mehr die sanfte Mina. Ich baute mich zu meiner drohenden Gestalt auf. Hinter ihm erschienen seine Brüder. Zwei von ihnen hielten den gefallen Hauptmann zwischen sich, der stöhnend den Kopf hob. Aber das durfte mich nicht schrecken.

„Du wagst zu behaupten, dass ich lüge?“, sagte ich mit donnernder Stimme, „hast du vergessen, was ich bin?“

„Nein, das habe ich nicht“, gab er zurück, „oder besser, ich hatte es vergessen und mich wieder daran erinnert. Vielleicht ist dir nicht bewusst, dass du lügst. Aber du brauchst uns. Du hast es mir selbst gesagt.“

Also darauf spielte er an. War es deshalb zurückgekommen? Oder war er ge­kommen, weil man ihm sagte, eine mächtige Hexe würde heranwachsen und er sei der Einzige, der ihr Einhalt gebieten könnte?

Ich hätte fast gelächelt.

„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen, Noah“, sagte ich, „du kannst nicht zurücknehmen, was passiert ist!“

„Wie wir dich im Stich gelassen haben, meinst du?“, gab er zurück, „Anaîs, und ich, und meine Brüder?“

Darüber wollte ich nicht nachdenken. Darüber durfte ich nicht nachdenken. Plötzlich wurde ich müde.

„Ich habe mit euch nichts mehr zu schaffen“, sagte ich schlicht und setzte mich auf die Bank.

„Um der alten Zeiten willen“, fügte ich hinzu, „geht einfach. Was zerstört ist, lässt sich nicht heilen. Die Entscheidungen sind gefallen.“

Ich senkte den Kopf. Ich war wirklich müde, und leer und kahl lag mein Leben vor mir. Der Hauptmann war geschlagen, aber es war nicht mein Kampf gewesen. Ich würde mir einen neuen Kampf suchen müssen, oder irgendetwas anderes, oder vielleicht doch nur ein Leben in Stille.

Als Noah sich vor mich hinkniete, schreckte ich trotz aller Kontrolle zusammen.

„Die Entscheidungen der Vergangenheit sind gefallen“, sagte er, „das stimmt. Ich zwang dich, mich hinauszuwerfen, weil ich Angst hatte, du würdest mich verfolgen, wenn ich fliehe, und ich wollte nicht mit einem Schatten in Nacken leben. Diese Entscheidung ist gefallen.“

Solche Angst hatte er also vor mir. Ich sah ihn fast mitleidig an.

„Ich hätte dich an diesem Tag in der Scheune töten können“, sagte ich einfach, „du bist ein hohes Risiko eingegangen, um von mir fortzukommen.“

Er lächelte. Wie hatte ich dieses Lächeln einst geliebt.

„Aber ich wollte dem Feind lieber gegenüberstehen, als ihn hinter mir zu haben“, antwortete er, „ich wollte lieber kämpfen und vielleicht sterben, als zu fliehen.“

Ich hatte nicht gedacht, dass dies mich noch verletzen konnte. Aber ich schaffte es, meine unberührte Miene beizubehalten und eher sachlich als gekränkt zu sagen: „Ich bin also dein Feind.“

Er nahm meine Hand, und ich ließ sie ihm, weil ich keinen Grund in hektischen Bewegungen sah.

„Oh Mina“, sagte er traurig, „ich musste erst fortlaufen und meine Brüder wie­der­finden, um zu verstehen, dass der Feind in mir selber war, und nicht in dir.“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

„Ich kann verstehen, dass es hart war, zu sehen, ich bin die Stärkere von uns beiden, und um wie viel“, sagte ich, mit Absicht mit bösem Unterton.

Er lächelte wieder.

„Bist du das denn?“, sagte er.

Jetzt machte ich meine Hand los und erhob mich, um ein paar Schritte zum Fenster zu gehen.

„Sei kein Narr, Noah!“, sagte ich hart, „ich könnte euch alle, dieses Haus und jeden Stein im Umkreis von zehn Meilen zerschmettern. Du hast nicht die leiseste Ahnung, wozu ich fähig bin, wenn ich es will. Frag Anaîs!“

Er hatte sich ebenfalls erhoben.

„Ich habe Anaîs gefragt“, sagte er, „nachdem ich sie endlich gefunden hatte. Und sie sagte, sie habe immer schon gewusst, dass du die Mächtigste von euch warst, stärker noch als eure Großmutter. Und dass sie eifersüchtig und zornig gewesen sei, weil du deine Kraft nicht nutztest. Jetzt sagt sie, du seist klüger als sie gewesen, weil du dich von der Macht nicht kontrollieren ließest, sondern sie selbst kontrolliertest.“

„Das sagt sie“, meinte ich mit liebenswürdigem Lächeln, „weil sie weiß, dass ich stärker bin und sie nicht mehr die mächtigste Hexe. Diesen Zustand würde sie gerne ändern.“

Noah lächelte auch, aber traurig.

„Ich glaube, sie hat ihre Lektion gelernt“, sagt er, „Macht hat ihren Preis, und Anaîs ist nicht mehr bereit zu zahlen.“

„Wie schön für sie“, sagte ich kurzangebunden und drehte mich weg, „dann habe ich ja keine Konkurrenz mehr. Was soll all dieses Gerede von der Vergan­genheit, Noah? Wie schon gesagt, wir können nicht ändern, was ge­schehen ist! Die Entscheidungen sind gefallen!“

Er kam mir nach, blieb hinter mir stehen, ohne mich zu berühren.

„Die Entscheidungen der Vergangenheit sind gefallen“, sagte er, „die der Zu­kunft sind alle noch offen. Und du kannst dich entscheiden, Mina. Du hast die Wahl. Du kannst uns, dieses Gebäude und jeden Stein im Umkreis von zehn Meilen zerschmettern. Du kannst die Welt erobern. Du kannst sie zerstören, oder deinem Willen unterwerfen. Und dann? Was dann, Mina? Was machst du dann?“

Die Leere in mir drohte mich zu ersticken. Ich wollte nicht nachgeben.

„Was willst du?“, fragte ich scharf, „ich kann es auch lassen, ja. Willst du ein Versprechen von mir, dass ich die Welt nicht erobere? Haben sie dich deshalb zu mir geschickt.“

Ich drehte mich um und sah ihm hart ins Gesicht. Er wirkte traurig.

„Niemand hat mich geschickt“, antwortete er leise, „ich bin gekommen, weil ich will, dass du zu mir zurückkehrst. Es stimmt nicht, dass du mich nicht brauchst, Mina. Du hast es selbst gesagt. Du brauchst mich vielleicht nicht, um dich vor anderen zu schützen, so wie ich es früher getan habe. Aber du brauchst mich, um dich vor dir selber zu schützen. Und das kannst du nicht allein.“

Es traf mich, tief. Ich war erschüttert und wehrte mich nicht, als er meine Schultern nahm.

„Dir liegt überhaupt nichts an Macht“, fuhr er fort, „dir hat noch nie daran gelegen – sonst hättest du deine Kraft viel früher angewandt. Du hast es erst getan, als du musstest – als wir dich alle im Stich ließen. Das hier bist nicht du. Du bist nicht die kalte, machthungrige Hexe, die in einem Schloss aus Stein wohnt. Ich sehe das noch immer in deinen Augen.“

Ich schloss besagte Augen lieber, bevor sie verräterisch überliefen. Hatte ich nicht gewusst, dass es mehr als eine Art zu kämpfen gibt, und dass ich dabei war, zu verlieren?

„Noah“, würgte ich schließlich hervor, „es ist zu viel passiert. Ich kann nicht wieder die sein, die ich mal war. Ich kann nicht so tun, als habe ich die Dinge nicht getan, die ich tat. Aber wenn du es willst ... wenn du mich darum bittest, dann verspreche ich dir, ich lasse diesen Kampf, ich lasse Häuser, Steine und Menschen heil und ziehe mich in eine Ecke der Welt zurück. Das ist es doch, was ihr wollt.“

Aber er ließ meine Schultern nicht los, wie ich erwartet hatte, und vielleicht war dies der Moment, in der die Hoffnung zu mir zurückkam. Ich war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich sie so vermisst hatte.

„Ich habe nicht die Absicht, dich wieder allein zu lassen“, sagte er, „und ja, niemand erwartet von dir, erneut so zu sein wie vor dem Krieg. Aber niemand von uns ist mehr so wie vor dem Krieg, meine Liebste. Wir werden neue Wege finden, miteinander umzugehen. Wir werden neue Entscheidungen treffen. Und ich verspreche dir eines – ich werde nie von dir verlangen, deine Kräfte einzusetzen. Diese Entscheidung sollst du immer selbst treffen können.“

Ich öffnete meine Augen weit, trotz der drohenden Tränen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hätte eher damit gerechnet, dass er mich bat, meine Kräfte nie mehr einzusetzen, oder wenn, dann nur mit seiner Erlaubnis oder zumin­dest vorherigen Rücksprache. Ich starrte ihn an, bis zur Fassungslosigkeit verblüfft.

„Hast du denn keine Angst?“, flüsterte ich.

Und er lächelte.

„Nein“, sagte er schlicht, „ich hatte nie Angst vor dir. Ich hatte immer nur Angst vor mir.“

„Aber ...“, protestierte ich, unsicher, was ich überhaupt sagen wollte.

Sein Lächeln wurde bittend.

„Ich brauche dich“, erklärte er, „ich brauche dich, um der zu sein, der ich sein will. Und ich denke, aus genau diesem Grund brauchst du mich ebenfalls. Ich bin zu dir zurückgekehrt, Mina. Komm jetzt auch du zu mir zurück.“

Und ich verstand. Die Hoffnung kehrte heim wie ein Lichtstrahl, und mein Lächeln erschien ganz allein, ohne Häme und Spott. Der Knoten im Nacken juckte mich, als ob die Strähnen sich von selbst darauf befreien wollten. Ich sah seine Brüder, wie sie lächelten, und ein wenig verlegen schauten, und ich sah den Hauptmann, der begriffen zu haben schien, dass man auch anders kämpfen konnte, ich sah Anaîs, besorgt und hoffnungsvoll, und ich sah Noah, der nach allem doch seltsam stärker war als ich, wenn auch ganz anders, als ich jemals gedacht hatte.


Meine Haare flossen offen über meinen Rücken, als wir die Straße vom Haus hinunter gingen. Meine Hand hielt seine, und die Welt war wieder voller Farben.

Ich hörte die Leute, als wie an ihnen vorübergingen.

„Das kann unmöglich die Hexe vom Hügel sein“, sagte einer von ihnen, „sie ist doch so jung!“

Und der andere neben ihm sagte, „Du hast Recht, das kann sie nicht sein. Sie hat so sanfte Augen.“

Noah küsste meine Hand, sah mir in die Augen und lächelte.

Und ich war wieder frei.